Was will die Christengemeinschaft?

 

Ein erster Hinweis

Begründung

Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges (1914-18) suchten viele Menschen nach Wegen geistiger bzw. religiöser Erneuerung, auch in Kreisen der christlichen Kirchen. Die Frage nach zeitgemäßen Formen des religiösen Lebens bewegte eine Gruppe meist junger Theologen, die dem bekannten protestantischen Pfarrer Friedrich Rittelmeyer (1872-1938) nahe standen. Sie wandten sich mit dieser Frage an Rudolf Steiner (1861-1925), den Begründer der modernen Geisteswissenschaft (Anthroposophie). Dieser hatte schon auf vielen Gebieten des kulturellen und sozialen Lebens erneuernde Impulse geben können. So wurde er auch zum Ratgeber und „Geburtshelfer“ einer Bewegung für religiöse Erneuerung. Sie wurde 1922 in Dornach/Schweiz begründet und nannte sich „Die Christengemeinschaft“.

In diesem Namen kommt ihr menschheitlicher Charakter zum Ausdruck. Während alle bisherigen Namen an ein Volk (römisch-katholisch, russisch-orthodox usw.) oder einen Begründer (lutherisch, calvinistisch usw.) anknüpften, ist dieser Name von vornherein grenzenlos.

Die zweitausendjährige Geschichte hat durch Dogmenstreit und Machtkämpfe politischer Art die Christenheit in viele Gruppierungen gespalten. In vielen Menschen lebt heute das Gefühl, dass eine Fortsetzung dieser Spaltungen keinen Sinn mehr hat. Im Namen „Die Christengemeinschaft“ liegt die Verheißung einer Vereinigung im Geist gegenseitiger Achtung und Toleranz. Alles sektiererische Sich-Abschließen und Ausgrenzen oder andere „Missionieren“ ist dem Wesen der Christengemeinschaft fremd. Sie ist ihrem Ideal nach die Gemeinde der freien Geister.

 

Merkmale

Ihre wesentlichen Merkmale sind:

1        ein aus spirituellen Quellen erneuerter Kultus

2        ein vertieftes Verständnis der Evangelien und der christlichen Heilswahrheiten durch die Anthroposophie

3        das gleichberechtigte Priestertum der Frau

4        die völlige, auch wirtschaftliche Unabhängigkeit der Bewegung.

 

Der neue Gottesdienst

Der Gottesdienst der Christengemeinschaft heißt: Die Menschenweihehandlung. Der ungewohnte Name sagt aus: als heutige Menschen sind wir erst unterwegs zu uns selbst. Um im vollen Sinn Mensch zu werden, bedürfen wir der Menschen-Weihe, die uns Christus - der Gott, der selbst Mensch war und so die Bestimmung des Menschen erfüllte - geben kann. Die Menschenweihehandlung gipfelt im Sakrament der Kommunion.

 Erneuerte Sakramente

In der Christengemeinschaft werden mit neuen Ritualen sieben Sakramente vollzogen, die das Menschenleben von der Geburt bis zum Sterben begleiten: die Taufe, die Konfirmation, die Kommunion (Abendmahl), die Beichte (in einer völlig neuen Intention!), die Trauung, die Letzte Ölung, die Priesterweihe.

Bekenntnis

In den zwölf Sätzen des Credo (Bekenntnis) der Christengemeinschaft werden die christlichen Heilswahrheiten nicht als verpflichtende Glaubensartikel („Ich glaube an …“), sondern als zum Besinnen einladende Aussagen dargeboten. Jeder kann sie sich frei zu eigen machen (Bekenntnisfreiheit).

 Mitgliedschaft

Der Eintritt als Mitglied geschieht im Erwachsenenalter durch den freien, individuellen Entschluss. Das Mitglied ist bereit, mitverantwortlich die Existenz der Bewegung zu ermöglichen. Finanziell existiert die Christengemeinschaft ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen ihrer Mitglieder und Freunde.

 

Kurzdarstellung der sieben Sakramente

 Die Taufe

wird sobald wie möglich nach der Geburt vollzogen. Durch sie wird das Kind dem Engel der Gemeinde anbefohlen. Er soll es aufnehmen unter seine Fittiche und über seine Entwicklung wachen. Der Engel der Gemeinde ist das Wesen, das als Gemeinschaftsgeist die Glieder der Gemeinde durchkraftet. In seinem Namen stellen sich zwei Paten als Wächter zur Verfügung, die durch ihr treues, inneres Begleiten dafür Sorge tragen, dass die Taufe ein weiterwirkender Vorgang wird.

Durch die Taufe empfängt die Gemeindeseele das Kind wie eine große Mutter. Das Kind wird durch sie in dem Teil seines Wesens, der noch im Himmel ist, zum Mitvollbringer des Altarsakramentes. Rudolf Steiner beschrieb aus seiner übersinnlichen Schau heraus in Vorträgen unmittelbar nach der Begründung der Christengemeinschaft, wie vorgeburtliche Seelen im Kultus wirksam sind als belebende, Frömmigkeit spendende Kräfte. Es gehört  zum Wesen der Christengemeinschaft, dass wir uns nicht nur um ein bewusstes Verhältnis zu den Verstorbenen bemühen, sondern auch die Welt der Ungeborenen mit einbeziehen.

Im Heranwachsen soll das Verhältnis zu dem, was durch Christus am Altar geschieht, immer mehr ein bewusstes werden. Nicht nur der himmlische Teil der Kinder - „Ihre Engel schauen allezeit das Antlitz des Vaters im Himmel“ (Matthäus-Evangelium18. Kap.) - sondern auch ihr irdisches Bewusstsein soll christlich werden. Dafür ist eine entscheidende Hilfe die

 

Sonntagshandlung für die Kinder.

Sie wird für die Kinder im Schulalter bis zur Konfirmation nach Vollendung des vierzehnten Lebensjahres vollzogen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist mit ihr ein eigener Kultus für die Kinder entstanden. Sie wird jeden Sonntag gehalten. Ihre schlichten Bilder pflegen die Ehrfurcht der kindlichen Seele und erwecken aus der Ehrfurcht das Denken. Das Denken, das oft als der größte Feind des Glaubens erschien, kann und soll heute sein größter Helfer werden. Das allsonntägliche Erleben der Sonntagshandlung lässt in den Kindern die Kraft heranreifen, die sie bereit macht zur rechten Aufnahme der

 

Konfirmation.

In ihr werden die Kinder gesegnet und in die Gemeinde der Erwachsenen aufgenommen. Sie findet an einem Sonntag zwischen Ostern und Himmelfahrt statt. Die Kinder werden als Gruppe in einem besonderen Konfirmandenunterricht vorbereitet. An die Konfirmation schließt sich die Menschenweihehandlung an, in der die Kinder zum ersten Mal das heilige Abendmahl empfangen. So werden sie zu Mitvollbringern der

 

Menschenweihehandlung.

In ihr hat die alte, heilige Messe eine neue, für unsere Zeit geeignete Gestalt gefunden. Die in andächtiger Stille versammelte Gemeinde schafft durch ihre wache Aufmerksamkeit einen Seelenraum, in dem Christus gegenwärtig werden kann. Während in allen bisherigen Formen vom Priester zur Gemeinde gesprochen wurde „Der Herr sei mit euch“, heißt es in der Weihehandlung „Christus in euch“. Damit ist eine bedeutsame Wende gekennzeichnet. Gott wird nicht mehr als eine von außen an den Menschen herankommende Macht erfahren, sondern als Innenerlebnis. Dieses Innenerlebnis entsteht durch das Erwecktwerden der Sinne. Mit unseren Sinnen erleben wir den Gottesdienst. Nicht als mystische Versenkung, sondern als Bewußtheit schaffende Erweckung. Durch dieses im Laufe der Weihehandlung immer mehr Erwecktwerden kann am Ende ein so äußerliches Geschehen wie Essen und Trinken zur heiligen

 

Kommunion,

zur Vereinigung mit Christus werden. Sie kann sich am stärksten dann realisieren, wenn sie die erste Nahrung dieses Tages ist. Die Menschenweihehandlung wird nur mit aufsteigender Sonne gefeiert. Darin kommt ihr kosmischer Bezug zum Ausdruck. Sie stellt sich in das Tagesgeschehen, als ein nicht nur unsere Seele stärkendes Ereignis, sondern als ein die Erde heilendes Sakrament. Wer auf dem Weg nach innen, in oben gekennzeichnetem Sinne, Schritte unternimmt, erfährt bald intensive Hindernisse, die er überwinden muss. Eine entscheidende Hilfe hierbei ist das Sakrament der

 

Beichte.

Sie besteht aus einem Gespräch mit einem Priester, das vor dem Altar seinen sakramentalen Abschluss findet. Persönliche Sorgen und Nöte hindern uns daran, kraftvolle Mitvollbringer der Weihehandlung zu sein. Wenn wir für uns persönliche Hilfe suchen, sollten wir dies nicht in der Weihehandlung, sondern im Beichtgespräch mit einem Priester tun. Der Priester wird über das Gespräch Schweigen bewahren und sein Inhalt wird im Gebet zur Gottheit empor getragen. Der Umgang mit dem Beichtsakrament ist in die Freiheit des Gemeindemitgliedes gestellt. Regeln gibt es nicht.

 

Möchten zwei Menschen als Mann und Frau ihre Lebensgemeinschaft in den heilenden Strom der Sakramente stellen, so können sie diese segnen lassen im Sakrament der

 

Trauung.

Durch sie wird die Lebensgemeinschaft der beiden in die große Lebensgemeinschaft der Gemeinde aufgenommen. Was früher die Großfamilie bedeutet hat, kann heute durch die geistige Familie der Gemeinde ersetzt werden. Die ganze Gemeinde wird in der Trauung zur Zeugenschaft aufgerufen. Stellvertretend für sie übernehmen zwei aus ihr das Amt der Trauzeugen. Wie die Paten in der Taufe für das heranwachsende Kind eine wichtige Aufgabe übernehmen, so sind die Trauzeugen mitverantwortlich, dass die wachsende Lebensgemeinsamkeit ihren in der Trauung begründeten Zusammenhang mit dem Gemeindeengel nicht verliert.

 

Für die Zukunftsentwicklung der Christengemeinschaft ist es von entscheidender Bedeutung, ob sich die geeigneten Persönlichkeiten für den Priesterberuf finden. Für sie wird die

 

Priesterweihe

gehalten. Sie kommt für solche Menschen in Frage, die ihr Leben dem Dienst am Altar hinzugeben bereit sind. Ihre Vorbereitung besteht in einem Studium im Priesterseminar. Es soll in ihnen ein genügendes Maß an Verständnis für ihre spätere Tätigkeit wecken. Denn nur aus einem durchgreifenden Verständnis kann im modernen Menschen die Schwungkraft und Begeisterung erwachen, die für den Priesterberuf unabdingbar ist. Der Priesterberuf ist ein in hohem Maße freier Beruf. Mit der eigenen Freiheit umgehen zu können, erfordert starke Persönlichkeitskraft. Diese zu entwickeln, ist ein wichtiges Ziel der Ausbildung. Dazu dient nicht nur eine breite Allgemeinbildung, sondern vor allem auch künstlerische Entwicklung. So wird der Grund gelegt zu individuellem Priestertum, dessen Ausbildung in lebenslangem Lernen weitergeht. Die Vielfalt der Christengemeinschaft gründet hierin.

 

Eine der entscheidenden Aufgaben der Gegenwart liegt darin, die Würde des Sterbens wieder zu erringen. Das einseitige Hängen am äußeren Leben hat zu grotesken Verdrängungen des Todes geführt mit verderblicher Wirkung für das Leben. Vom Todesaugenblick her gesehen, offenbart sich erst die ganze Kostbarkeit des Erdenlebens. Eine Kultur, die den Tod verdrängt, verliert auch das Leben. Depression und Lebensverneinung sind die in unseren „fortschrittlichen“ Gesellschaften überall sichtbaren Folgen.

Das Bewusstwerden des eigenen geistigen Wesens, wie es durch das Mitfeiern der Menschenweihehandlung angeregt wird, erschafft in uns innere Aufrichtung, die uns den Tod als Schwellenübergang in ein geistiges Leben begreifen lässt. Diese innere Gewissheit kann sich weiter steigern, wenn wir uns durch die anthroposophische Geisteswissenschaft mit den konkreten Einzelheiten dieses geistigen Lebens vertraut machen. Geist-Bewusstsein und Geist-Erkenntnis bilden so in uns eine Glaubenskraft heran, die wirklich Berge versetzen kann. Der Tod kann so wieder zu dem werden, was er eigentlich ist: Höhepunkt und Ziel des Lebens. Kommt ein Mensch zum Sterben, kann ihm geholfen werden durch das Sakrament der

 

Heiligen Ölung.

Am Abend vor seinem Hingang betete Jesus Christus für Seine Jünger und für alle, die sich in der Zukunft ihm anschließen werden. Dieses sogenannte Hohepriesterliche Gebet ist in Johannes 17 überliefert. Aus ihm wird am Beginn der Heiligen Ölung gelesen. Dann werden mit geweihtem Öl drei Kreuze auf die Stirn des Sterbenden gezeichnet, von besonderen Gebeten begleitet. Ist eine Aufbahrung möglich, kann für den Toten aus dem Evangelium gelesen werden. Der Tote, der schon von seinem Anblick her ganz den Eindruck eines Lauschenden macht, wird ein guter Zuhörer sein. In den Ritualen der Aussegnung und der Bestattung wird der Verstorbene weiter begleitet, um dann am folgenden oder einem folgenden Samstag durch eine Weihehandlung in seinem Andenken in die Gemeinschaft der unsichtbar Mitfeiernden aufgenommen zu werden. In der Menschenweihehandlung ist der Ort, an dem wir den uns Vorangegangenen immer begegnen können. Sie kann die Brücke über den Strom bilden. Dies kann für uns mehr und mehr eigene Erfahrung werden.

 

Anmerkung:

Gottesdienste und Veranstaltungen der Christengemeinschaft im Chiemgau sind für jedermann frei zugänglich.